Sand- und Kiesgruben, Teil 2

Nassabbau mittels Schwimmbagger
Kieswäsche
Entwässerung des vom Schwimmbagger geförderten Kiessandes
Transportbänder und Silo-Anlage
Versetzen Sie sich für einen Augenblick in die Rolle eines verantwortlichen Politikers, der über die Genehmigung oder Nicht-Genehmigung einer zukünftigen Sand- oder Kiesabgrabung zu beschließen hat. In dieser Rolle stehen Sie vor einer Entscheidung, die heutzutage wahrlich keine dankbare Aufgabe darstellt. Wie würden Sie in einer solchen Situation  vorgehen?

Über den allgemeinen Stellenwert von Kies und Sand in unserer Industriegesellschaft gibt Ihnen zunächst die amtliche Statistik Auskunft. Aktuelle Produktionszahlen stammen aus dem Jahre 2002. In diesem Jahr, in einer Zeit wirtschaftlicher Stagnation, waren es 303,5 Millionen t Kies und Sand, die in der Bundesrepublik gewonnen wurden. Dabei zeigt die Statistik, dass der Bedarf in den letzten Jahren aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage deutlich zurückgegangen ist. In Zeiten einer florierenden Wirtschaft überschreitet die Kies- und Sand-Produktion sogar 400 Millionen t, pro Jahr wohlgemerkt. Vor dem Hintergrund dieser immensen Zahlen können Sie als Politiker bei der Genehmigungsfrage, zunächst nur methodisch betrachtet, verschiedene Wege beschreiten.

Variante 1: Sie lehnen Abgrabungen grundsätzlich ab und verzichten auf Produkte und Errungenschaften, die erst durch die mineralischen Rohstoffe ermöglicht werden, die in Kiesgruben und Steinbrüchen gewonnen werden. Für Abgrabungen gäbe es dann keine Notwendigkeit. Praktisch gesehen käme diese Variante allerdings einem Rücksprung unserer Gesellschaft in die Steinzeit gleich.

Variante 2: Sie lehnen lediglich diejenigen Abgrabungen ab, die „vor der eigenen Haustür“ geplant werden, akzeptieren aber, dass die Produkte für den Bedarf ihrer Region „anderswo“ gewonnen werden. Leider führt auch dieser Weg schnell in die Sackgasse, denn Sie werden heute in nahezu allen Regionen der Bundesrepublik auf Personen und Initiativen treffen, die gegen die Rohstoffgewinnung protestieren. Um diesen allen gerecht zu werden, bliebe konsequenterweise nur Variante 1.

Variante 3 beinhaltet ein Verfahren, um mit der Konfliktsituation umzugehen, einerseits den unbestrittenen gesellschaftlichen Bedarf an mineralischen Rohstoffen sicherzustellen, andererseits berechtigte andere Interessen wahren zu können. Die Methode: Sie beginnen einen Abwägungsprozess, lassen die beantragte Abgrabungsfläche durch Fachleute untersuchen und treffen Ihre Entscheidung als Politiker auf der Basis der jeweiligen Untersuchungsergebnisse. Der Grundgedanke dabei ist, Abgrabungen an weniger problematischen Standorten zu genehmigen, um andere Standorte zu schützen, die aus gewichtigen Gründen für eine Abgrabung nicht in Frage kommen sollten.

Diese letzte Variante stellt nichts anderes dar als das amtliche Genehmigungsverfahren, das heute bei jedem Abgrabungsantrag in Gang gesetzt wird. Fachbehörden bewerten anhand gesetzlicher Regelungen, prüfen die verschiedensten Aspekte, auch Bedenken von Bürgern vor Ort. Dabei zeigen sich Ausschlusskriterien, manchmal aber sogar auch Gestaltungsspielräume.
Von einer Illusion sollten Sie als Politiker allerdings Abschied nehmen: Sie werden mit Ihrer Entscheidung in keinem Fall Akzeptanz bei allen Bürgern finden.

Publiziert: NRZ, Ausgabe vom 15. Mai 2004

 
Teil 1 Abgrabungen - ein Problem
Teil 2 Politische Entscheidungen
Teil 3 Neue Lebensräume
Teil 4 Renaturierungs-Projekte
Teil 5 Folgenutzung Naherholung