Sandkörner können Geschichten erzählen über Gebirgsmassive, Meere oder Eiszeiten, die vor Hunderttausenden oder sogar Millionen von Jahren die Gestalt unserer Erde geprägt haben. In jedem Sandkorn, dem wir begegnen, offenbart sich auch ein Stück Erdgeschichte, spiegeln sich Prozesse wider, durch die unsere Landschaft lange vor unserer Zeit geprägt wurde.

Der Kreislauf der Sandkörner

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Felsklippen in den Schweizer Alpen -
ein Spielball der Erosion
Felsmassive im Hochgebirge, tief eingeschnittene Canyons, Felstürme inmitten endloser Wüstenplateaus - Landschaften, in denen Felsformationen offen zu Tage treten, sind meist von beeindruckender Schönheit. Dabei begegnet uns gerade dort ein andauernder Zerfallsprozeß: die natürliche Erosion mit ihren gestaltenden Kräften. Erosion - das bedeutet fortwährende physikalische, chemische und biologische Angriffe auf das Gestein. Sonneneinstrahlung, Regen, Frost, Wind und Organismen setzen den Felsen zu, lösen mehr und mehr Felsbrocken aus dem Massiv, bis sich selbst monumentale Gebirge nach geologisch langen Zeiträumen schließlich in ein Meer von Geröllen und kleinsten Sandkörnern verwandelt haben.

Foto rechts:
Geröllführung in einem sommerlich ausgetrockneten Flussbett im Harzvorland.
Nachdem die Verwitterung ihre zerstörerische Kraft entfaltet hat, beginnt für viele Gesteinspartikel eine lange Reise. Schon schwache Winde reichen aus, um Sandkörner fortzutragen und irgendwo in Form von Dünen wieder aufzuschichten (® Flugsand, ® Sanddüne). Gebirgsbäche reißen selbst größere Gerölle mit und verfrachten sie bis weit ins Vorland (® Flusssand). Gletschereis kann sogar tonnenschwere Blöcke aufnehmen und über weite Entfernungen transportieren. Unterwegs setzt sich der Zerkleinerungsprozess weiter fort, durch den Abrieb am Boden und die ständigen gegenseitigen Kollisonen der Gesteinpartikel.

Über geologische Zeiträume betrachtet landen die meisten Sandkörner irgendwann einmal in einem Bereich, in dem die Erdkruste großräumig absinkt und ein Meeresbecken entsteht. Wenn die Bewegung des Untergrundes lange genug anhält (gemeint sind damit viele Millionen Jahre) und die Flüsse vom randlichen Festland immer mehr Gesteinsmaterial herantransportieren, können Sandkörner, die anfangs am Meeresboden abgelagert wurden, einige Kilometer tief versenkt und von einem mächtigen Stapel jüngerer Sedimente überdeckt werden. Aus dem Wasser, das im Porenraum des Sandes zirkuliert, wird dabei mit zunehmendem Druck und steigender Temperatur ein mineralisches Bindemittel (meist Kalk oder Kieselsäure) auskristallisiert, das die Sandkörner langsam „einzementiert” - lockerer Sand verwandelt sich so mit der Zeit in einen festen ® Sandstein.
Wenn sich die Erdkruste im weiteren Verlauf der Erdgeschichte wieder hebt und Schichten, die vor langer Zeit abgelagert wurden, wieder bis zur Erdoberfläche emporsteigen, setzt erneut die Erosion ein. Zunächst werden die Deckschichten abgeräumt, bis auch der ehemals tief versenkte Sandstein die Oberfläche erreicht. Dann unterliegt auch er der Verwitterung, die ihn in kleine Partikel zerlegt - der Kreislauf der Sandkörner (Erosion -> Transport -> Ablagerung -> Verfestigung) beginnt aufs Neue.
 
Foto rechts: Felsblock aus der Buntsandstein-Zeit

Foto rechts:
Luftbild aus der Afar/Äthiopien, das einen Vulkan mit einem erstarrten Lavafluss (dunkler Grauton) zeigt. Der Vulkankrater ist durch ein K markiert.
Manche Sandkörner ereilt ein besonderes Schicksal. Tief im Untergrund versenkt gelangen sie durch die Verschiebung großer Platten der Erdkruste in Regionen, in denen so hohe Temperaturen herrschen, dass selbst Gesteinsmaterial zu einem flüssigen Brei - Magma - aufgeschmolzen wird. Dabei verlieren die Sandkörner ihre Identität. Die Schmelze steigt anschließend meist mehr oder minder weit in der Erdkruste nach oben. Manchmal bleibt sie noch in Tiefen von einigen Kilometern stecken und kühlt dort langsam ab, bis aus dem Magma ein grobkristallines Tiefengestein wie der Granit entstanden ist. Manchmal bahnt sich die Schmelze aber auch einen Weg bis zur Erdoberfläche, wo sie als glühende Lava zu Tage gefördert wird, nach kurzer Zeit erstarrt und bedrohliche Vulkanberge formt. Und wieder der Kreislauf der Sandkörner in eine neue Runde ...